In den Antworten der Parteien zu unseren Wahlprüfsteinen anlässlich der Bundestagswahl 2013 werden Medienkompetenz und digitale Selbständigkeit als Grundlage für die Bewältigung der Herausforderungen der digitalen Gesellschaft genannt. Weiterhin werden eine moderne Ausstattung und Bildungsangebote für pädagogische Fachkräfte sowie verstärkte Kooperation und Koordination im Bildungsbereich zwischen Bund und Ländern als mögliche Maßnahmen angeführt. Sie sollen Menschen zu einem sozial verantwortlichen, kritisch-reflexiven und aktiv-produktiven Umgang mit Medien befähigen und ihnen die Teilhabe an der medial geprägten Gesellschaft ermöglichen. Die Erkenntnis, dass zur Umsetzung das Bildungswesen auch an die neuen Möglichkeiten des Lernens und die Erfordernisse des Arbeitslebens angepasst werden muss, ist in allen Antworten zu lesen.

Jetzt muss es an die Umsetzung dieser Einsichten gehen. Nach der „Internet-enquete“, dem “Dialog über Deutschlands Zukunft” und zahlreichen Konferenzen zum Thema müssen jetzt konkrete Handlungsperspektiven und konkrete, nachhaltige Maßnahmen entwickelt, finanziert und umgesetzt werden. Zentrale Aufgabe ist es, die Menschen zu befähigen, die digitalen Medien selbständig und souverän zu nutzen.

CDU/CSU und SPD, die aktuell Verhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung begonnen haben, sind aufgerufen, ihren Worten Taten folgen lassen. Hierzu gehört es auch, Strukturen einzurichten, die seitens des Bundes eine bessere Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen den Ministerien ermöglichen oder ein Querschnitts-Ressort etablieren, das die notwendigen Aufgaben übernimmt.

Wir fordern die verhandelnden Parteien auf, folgende Punkte in den Koalitionsvertrag aufzunehmen und für die Umsetzung zu sorgen.

1. Medienbildungspakt

Wir fordern die Einrichtung eines Medienbildungspaktes zwischen Politik, Bildungsträgern, Wissenschaft und Wirtschaft zur Verstetigung und flächendeckender Verankerung von Medienbildung und Medienkompetenzförderung sowie der dafür notwendigen Ausstattung der Lernorte. Ein Schwerpunkt ist auf die Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus bildungsbenachteiligten Milieus zu legen.
Das Kooperationsverbot zwischen dem Bund und den Ländern muss aufgehoben werden, um notwendige Investitionen für den Ausbau der technischen Infrastruktur und die Umsetzung von Bildungs- und Ausbildungs-standards zu ermöglichen. Die Kooperation zwischen Bund, Ländern und Kommunen muss auf eine solide finanzielle Grundlage gestellt werden.

2. Nicht-kommerzielle Bildungsplattform

Wir fordern die Einrichtung einer bundesweiten, nicht-kommerziellen Bildungsplattform, die unter öffentlich rechtlicher Aufsicht steht und allen Bildungsbereichen zugänglich ist. Sie soll bereits vorhandene Plattformen vernetzen, den Austausch und die Erstellung von offenen Lehr- und Lernmaterialien fördern, die Möglichkeiten der vernetzten Kommunikation und Partizipation sowie das Erstellen und Teilen eigener medialer Inhalte ermöglichen. Die Bildungsplattform soll als Open Education Cloud nicht allein der Einführung einer digitalen Lehrmittelfreiheit dienen, sondern als IT-gestützte Bildungsinfrastruktur mit offenen Schnittstellen und Standards berechtigte Urheber- und Lizenzrechte wahren, pragmatische Abrechnungsmodelle einrichten, Datenschutzanforderungen genügen und landesweite Lehrpläne und Bildungsaktivitäten dokumentieren. Wichtige Aufgabe der Plattform ist es auch, die Vernetzung zwischen den verschiedenen Bildungsbereichen zu fördern und Impulse für Kooperationen zu geben (online und vor Ort).

3. Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte

Zentrale Bedingung für eine effektive Unterstützung der Prozesse der Medienbildung ist eine medienpädagogische Qualifizierung aller pädagogischen Fachkräfte. Nach den vorliegenden Expertisen gibt es in diesem Bereich gravierende Mängel. Die Forderung nach einer Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte wird inzwischen von zahlreichen Gremien und Organisationen in Deutschland unterstützt. Zu nennen sind u.a. der Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10. Mai 2012 und Vorschläge der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“. Es geht nun um die Umsetzung.

Seitens der Bundesebene halten wir folgende Maßnahmen für besonders wichtig:

  • Aufnahme eines expliziten Förderschwerpunkts „Medienbildung in der Lehrerbildung“ in dem angekündigten Programm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“.
  • Weiterentwicklung eines bundesweites Portals (bislang „Bibernetz“) und Entwicklung eines bundesweit vernetzten Weiterbildungsangebots im Bereich der frühkindlichen Medienbildung.
  • Erheblicher Ausbau medienpädagogischer Fort- und Weiterbildungsinitiativen im Rahmen eines Zertifizierungs-systems für pädagogische Fachkräfte in allen Bereichen der schulischen und außerschulischen Jugend- und Erwachsenen- und Familienbildung.

4. Ausbau medienpädagogischer Forschung

Für eine erfolgreiche Entwicklung und Verankerung von medienpädagogischen Modellen ist es notwendig, die Mediensozialisation und die Medienerfahrungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen systematisch zu untersuchen und in Konzeptionsentwicklungen zur Förderung von Medienkompetenz einzubeziehen. Nur durch ein kontinuierliches Monitoring kann eingeschätzt werden, wie sich moderne Medientechnologien in den jeweiligen sozialen, kulturellen und sozioökonomischen Kontexten auf Individuen, ihre Bedürfnisse und Nutzungsweisen alters-, geschlechts- und milieuspezifisch auswirken und welche medienpädagogischen Maßnahmen geeignet sind.

Seitens der Bundesebene halten wir folgende Maßnahmen für besonders wichtig:

  • Medienpädagogische Fragestellungen sind in den Forschungsförderungsprogrammen zur Grundlagenforschung zu verankern; Schwerpunkte: Medienaneignungs- und Mediensozialisationsforschung, Forschung zum informellen und formalen Lernen (und Lehren) mit Medien. Zu fördern sind insbesondere Längsschnittstudien, um einen kontinuierlichen Überblick zur Entwicklung der Mediensozialisation von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu erhalten (kontinuierliches Monitoring). Forschungen zum informellen und formalen Lernen (und Lehren) mit Medien sollten vor allem herausarbeiten, wie lernfördernde Bildungspotenziale von Medien ausgeschöpft werden können und Medienkompetenz gefördert werden kann.
  • Zur Umsetzung ist es erforderlich, insbesondere beim BM BF auf die Einrichtung entsprechender Forschungs-förderungsprogramme hinzuwirken.
  • Bei der Förderung vom Bund geförderter medienpädagogischer Modellprojekte muss die Evaluierung insbesondere im Hinblick auf Kriterien der Nachhaltigkeit verpflichtend werden. Entsprechende Mittel für die Evaluation sind vom Bund zur Verfügung zu stellen.
  • An jeder Hochschule, an der pädagogische Fachkräfte ausgebildet werden, sind je nach Größe der Studierendenzahlen und Studiengänge ein bis zwei medienpädagogische Professuren mit entsprechenden Mitarbeiterstellen einzurichten. Hierfür sollte der Bund mit einem speziellen Programm zur Förderung von Juniorprofessuren Anreize bieten (Anschubfinanzierung neuer Stellen an Hochschulen).